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Geschichte

Die Geschichte unserer Gemeinde erleben Sie eindrucksvoll mit der Bildergalerie:

Die Fotos mit Beschreibungen wurden uns ebenso wie der unten stehende Text dankenswerter Weise von Herrn Andreas Krüger zur Verfügung gestellt.

 

 

Zur Geschichte der Gemeinde Dallgow-Döberitz

von Andreas Krüger, Februar 2016

Von den Anfängen zum Dorf

Erstmals wurde Dallgow im Jahr 1271 urkundlich erwähnt. Bereits in der Frühzeit

bildete die Uferterrasse am nördlichen Niederungsrand der Döberitzer Hochebene einen

Siedlungsschwerpunkt, wie zahlreiche, für die verschiedenen Epochen charakteristische

archäologische Funde bezeugen.

Bei archäologischen Untersuchungen während des Ausbaus der Bundesstraße 5 am

Verkehrsknotenpunkt B 5/L 20 wurden in den Jahren 1994 bis 1997 u.a.

Pfostengrundrisse, Grubenhäuser, Feuerstellen und Brunnen aus der vorrömischen

Eisen-, römischen Kaiser- und frühen Völkerwanderungszeit sowie der mittel- und

spätslawischen und der frühdeutschen Periode freigelegt.

Beim Bau der Wohnsiedlung in der Bahnhofstraße wurden 1993 weite Teile eines

germanischen Dorfes freigelegt, das auf die Zeit zwischen dem ersten und dem Ende des

fünften Jahrhunderts nach Christi datiert wurde. Die Funde dieser Siedlungsetappe

werden mit Stämmen der Elbgermanischen Semnonen bzw. Sueben verknüpft. Im Zuge

der Völkerwanderung wanderten die Germanen größtenteils nach Südwesten ab.

Im siebenten Jahrhundert wanderten von Osten die Slawen nach. In der

mittelslawischen Periode bildete sich ein bedeutendes Burgzentrum in Spandau, das

zum Stammesgebiet der Heveller/Stodoranen mit ihrer Hauptburg in Brandenburg an

der Havel gehörte.

Im Zuge der Eroberung des Havellandes durch Albrecht den Bären wurde die Region

Teil der Mark Brandenburg. Einwanderer aus dem deutschsprachigen Raum errichteten

beim Aufbau des Landes im 12./13. Jahrhundert die dörflichen Siedlungen, auf die viele

Orte bis heute ihre Gründung stützen.

Dallgow ist auch dem Namen nach auf eine slawische Niederlassung zurückzuführen, die

sich über einen längeren Zeitraum aus einer Kleinsiedlung auf einer flachen

Talsandinsel am Rande des großen Havelländischen Luches zum heutigen Dorf

entwickelte.

Die Wurzel des Ortsnamens lässt sich von dem slawischen „daleku“ (demnach „tief

gelegener Ort“) sowie auch aus dem slawischen „dolg“ (für „lang“) ableiten.

Der Name änderte sich dann im Laufe der Jahrhunderte: aus „dalghe“ wurde „dalgen“,

„talge“ oder „talga“. Bis zum Dreißigjährigen Krieg bleibt die Schreibung „Dalge“. Erst

später „Dalgo“, dann „Dalgow“ und etwa ab 1870 „Dallgow“. Das zweite „l“ im

Ortsnamen ist nach einer Überlieferung lediglich auf einen bei einem Siegelmacher in

Nauen falsch hergestellten Stempel zurückzuführen.

Am 20. November 1271 übereignete Ritter Rudolf von Schneitlingen dem Kloster in

Spandau für die Aufnahme seiner Tochter sieben Hufen Land in „villa Dalghe“. Hiermit

ist heute das Jahr der ersten urkundlichen Erwähnung verbunden.

Zu überlieferten Ereignissen zählt die Gefangennahme von Kasper Gans von Putlitz.

Zur Zeit der Raubritter war er ein wichtiger Verbündeter der Quitzows und einer der

letzten Gegner Kurfürst Friedrich I. von Hohenzollern. Er wurde durch den

Stiftshauptmann des Bischofs von Brandenburg Hans von Röder im Jahr 1413 in

Dallgow gestellt.

„Mehrmals äscherte Feuer den Ort teilweise ein, so 1845, wo durch Blitzschlag sieben

Bauernhöfe ein Raub der Flammen wurden, ferner 1869, wo drei Gehöfte und der

Kirchturm ganz und zwei teilweise vernichtet wurden, und endlich 1903, wo von 4

Gehöften nur die Wohnhäuser gerettet werden konnten. So hat Dallgow ein zeitgemäßes

Aussehen erhalten.“ schrieb der Dallgower Lehrer Hermann Maschkewitz im Jahr 1931.

Bis zur Gründung der Freiwilligen Feuerwehr im Jahr 1909 waren die Einwohner zu

Löschdiensten verpflichtet.

Dem Landbuch Kaiser Karls IV. aus dem Jahr 1375 zufolge besaß der Markgraf in

früherer Zeit die Bede (Steuer), das Obergericht und den Wagendienst über Dallgow. Die

Bewohner waren etwa bis 1811 ihrem Grundherren, dem Besitzer, zu Diensten

verpflichtet. Das waren anfänglich die Markgrafen, welche durch Belangung,

Verpfändung und Verkauf wechselten.

Die Besitzverhältnisse Dallgows lassen sich ab 1412 belegen. Im Jahre 1412 wurde

Heinrich von Hake Besitzer des Ober- und Niedergerichts und der Bede von 23 Hufen zu

Dalge. Neben den von Hakes waren Benedictus Hoppenrade und das Domkapitel zu

Brandenburg in Dallgow begütert. Um 1541 teilten sich die Familien von Hake und von

Bernewitz auf Groß Glienicke den Besitz. 1572 kaufte der spätere Oberhofmeister

Jürgen von Ribbeck, Erbherr auf Groß Glienicke, Dallgow. Dessen Nachkommen

veräußerten 1789 ihre Besitzungen an den späteren General der Infanterie Christian

Ludwig von Winning.

Mit den Reformen von 1807 über die Aufhebung der Erbuntertänigkeit der Bauern und

1811 mit dem Edikt über die Regelung der gutsherrlichen und bäuerlichen Verhältnisse

wurde in Preußen die Grundlage für die Beseitigung der Fron- und Handdienste der

Bauern geschaffen. Der „Zehntablösungs-Rezeß“ der Dallgower Bauern wurde zwischen

1811 und 1834 vollzogen und die Bauern erkauften ihr Eigentumsrecht. Aufgrund des

„Dienstablösungsvertrages“ konnten die Bauern ihre Höfe verkaufen, vertauschen und

verschulden. Sie brauchten nicht mehr für den Gutsbesitzer zu fronen und zu zinsen.

Was sie erarbeiteten, gehörte fortan ihnen und ihren Familien. Die Winningschen Erben

gerieten 1835 in Konkurs, und der Rentier Johann Heinrich Landefeld erwarb Groß

Glienicke. Aufgrund fehlender Unterlagen mussten die Dallgower Bauern 1841 ein

zweites Mal die Kosten für die „Zehntablösung“ zahlen. Die folgenden Besitzer waren

Johann Heinrich Berger-Landefeld, 1845-1890, der Lieutenant der Reserve Otto von

Wollank (1913 geadelt) bis 1929, und zuletzt dessen Tochter Ilse von Wollank,

verheiratete Frau von Schulz.

Der erste Verein in Dallgow gründete sich im Jahr 1881: der Männergesangsverein

„Liedertafel“.

 

Zur Entstehung des Ortsbildes

Bis in das 19. Jahrhundert war der Ort fast ausschließlich landwirtschaftlich geprägt. Die

Grundlagen zur Entstehung des heutigen Ortsbildes von Dallgow waren der Bau der

Hamburger Chaussee 1831, der Lehrter Bahn 1871 sowie die Errichtung des

Truppenübungsplatzes Döberitz 1895. Als ein Vorort Berlins entstand 1903 um den

Bahnhof die Villenkolonie Neu-Döberitz, das heutige Zentrum von Dallgow-Döberitz.

Von diesem Zeitpunkt an veränderte sich der Ort rasant.

1831 wurde die neue Fernstraße von Berlin nach Hamburg (Hamburger Chaussee) in

geradliniger Streckenführung unter Umgehung der Dörfer Dallgow und Rohrbeck

angelegt. 1903-1910 wurde die Döberitzer Heerstraße als Verlängerung der Berliner

Ost-Westachse vom Reichskanzlerplatz (heute Theodor-Heuss-Platz) bis an die

Ortsgrenze Dallgows gebaut. Während der deutschen Teilung war die Hamburger

Chaussee Teil der DDR-Transitstrecke (Fernverkehrsstraße 5). Im Jahr 2002 wurde der

Ausbau der Hamburger Chaussee zur vierspurigen Bundesstraße 5 mit vier

Knotenpunkten abgeschlossen.

1871 wurde die Bahnstrecke Berlin-Lehrte gebaut. Die Bahnstation Dallgow wurde an

der Gemarkungsgrenze zwischen Dallgow und Rohrbeck errichtet, weil beide Dörfer

Nachteile befürchteten und dafür nötiges Land verweigerten. Der Lehrer Maschkewitz

schrieb dazu: „Der Bahnhof Dallgow wurde an der Ortsgrenze zwischen Dallgow und

Rohrbeck errichtet, weil beide Dörfer aus Furcht vor Funkenflug, Lärm, Erschütterungen

und insbesondere weniger Milchleistung der Kühe gegen das Eisenbahnprojekt

votierten.“ Später bemühten sich beide Dörfer um einen Bahnhof vor Ort. Aus dieser

Kuriosität heraus entstand das heutige Ortszentrum an der ehemaligen Gemeindegrenze

zwischen Dallgow und Rohrbeck.

1898 wurde die Bahnstation umbenannt in Dallgow-Döberitz. 1921 wurde Dallgow zum

Vorortbahnhof. Während der deutschen Teilung fuhren die Vorortzüge im

Pendelverkehr über „Dallgow bei Berlin“ nur bis an die Sektorengrenze zu West-Berlin

in Staaken. Neben dem Güterverkehr rollte ab 1976 auch der grenzüberschreitende

Personenverkehr auf einem Transitgleis von und nach Berlin (West) durch Dallgow. Der

für den Interzonenverkehr errichtete Kontrollbahnhof Staaken befand sich einige

hundert Meter vor der Grenze auf Dallgower Gebiet.

Mit dem Ausbau der Bahnstrecke für den Fernverkehr 1996-1998 wurden die

Gütergleise und Rampen am Bahnhof zurückgebaut und ein neuer Mittel-Bahnsteig für

den Regionalbahnverkehr errichtet. Der Haltepunkt heißt seit 1998 wieder Dallgow-

Döberitz.

1915 wurden die Wiesen östlich von Dallgow in Richtung Staaken an die „Luftschiffbau

Zeppelin-Gesellschaft“ verkauft und ein Flugfeld errichtet. Aus der nahen Werft für

Luftschiffe und Flugzeuge in Staaken schwebte 1916 das erste Luftschiff über Dallgow.

Der Ankermast für die Luftschiffe, an dem u.a. das Luftschiff „Graf Zeppelin“ im

transatlantischen Liniendienst noch bis 1936 festmachte, befand sich auf Dallgower

Boden. 1929 kaufte die Stadt Berlin die über 300 Hektar große Fläche mitsamt den

Werfthallen und der Flugplatz kam in die Verwaltung der Berliner Flughafen

Gesellschaft. So kam es, dass die Flächen auf dem Brandenburger Teil des ehemaligen

Flugplatzes heute zu den Berliner Stadtgütern gehören. Die Nähe des Flugplatzes war

auch der Grund, weshalb 1939 der Dallgower Kirchturm umgebaut und um 8 Meter

gekürzt werden musste.

 

Döberitz – der angrenzende Truppenübungsplatz

1895 entstand südwestlich von Dallgow der Truppenübungsplatz Döberitz. Per Gesetz

wurde die Enteignung des Rittergutes Döberitz verfügt. Alle angrenzenden Gemeinden

und Güter mussten dazu weitere Wald- und Weideflächen an den Militärfiskus abgeben,

Dallgow 395 ha Land.

Das Dorf Döberitz wurde entsiedelt. Die Döberitzer Dorfanlagen, der Gutshof, die Kirche

und Gehöfte wurden zurückgelassen.

Aufgrund der Nähe zum Bahnhof und der Hamburger Chaussee wurde das Gardelager

(„Altes Lager“) mit Unterkünften, Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäuden am nördlichen

Rand des Truppenübungsplatzes zwischen den Dörfern Dallgow und Rohrbeck errichtet.

Der Truppenübungsplatz wurde anfangs als selbstständiger Amts- und Gutsbezirk

geführt. Die Militär- und Kasernenanlagen wurden über Jahrzehnte kontinuierlich

ausgebaut, u.a. entstand für das Militär ein weiterer Flugplatz nahe Dallgow, der

Flugplatz Döberitz und 1936 das Olympische Dorf Döberitz.

Der Übungsplatz und die Kasernenanlagen waren militärisches Sperrgebiet, welches nur

mit Erlaubnis betreten werden durfte. Ob Truppenverladungen am Bahnhof, Fahrzeugund

Panzerkolonnen in den Straßen, Soldaten auf Ausgang, der Donner der

Schießübungen oder als Arbeitgeber – auch das benachbarte Militär prägte fast 100

Jahre den Alltag und das Leben im Ort.

In Folge der Bodenreform wurden Land- und Gehöftplätze im alten Dorf Döberitz

vergeben und zu Rohrbeck eingemeindet („Rohrbeck Weiler Döberitz“). Das Dorf wurde

für zwölf Jahre wieder besiedelt, bis das sowjetische Militär den Truppenübungsplatz

vollständig für sich beanspruchte.

Mit dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte wurde 1991 die Garnison in Dallgow und

ein Jahr später in Döberitz-Elsgrund (Olympisches Dorf) geräumt. Die Kasernenanlagen

und der Übungsplatz wurden an das Bundesvermögensamt übergeben.

Die Bundeswehr erwog zunächst, das Gelände als integrierten Standortübungsplatz für

drei umliegende Kasernenstandorte zu übernehmen. Der Truppenübungsplatz wurde

jedoch zum überwiegenden Teil zur Konversionsfläche, bis auf 564 ha im südwestlichen

Teil, die von der Bundeswehr als Standortübungsplatz weiter genutzt werden. Zu dieser

Zeit prägte sich für den ehemaligen Truppenübungsplatz der Name „Döberitzer Heide“.

Der freigewordene Teil des Übungsplatzes darf heute aufgrund der

Munitionsbelastungen weiterhin nur auf gekennzeichneten Wegen betreten werden. Die

Bewirtschaftung und Pflege der Flächen übernahm 1996 der „Naturschutzförderverein

Döberitzer Heide e.V.“. 1997 wurde die Döberitzer Heide zum Naturschutzgebiet erklärt.

2004 erwarb die Heinz Sielmann Stiftung rund 3400 ha der Döberitzer Heide. Auf dem

ehemaligen Flugfeld des Flugplatzes Döberitz wurde 2006 das Schaugehege der

Sielmans Naturlandschaft Döberitzer Heide eröffnet.

1994 wurde die Stadtentwicklungsgesellschaft Neu Döberitz (SEND) zur Entwicklung

und Konversion der ehemals militärisch genutzten Flächen des Truppenlagers in

Dallgow-Döberitz gegründet. Im Zuge der Konversion wurde das Alte Lager zum

Wohngebiet „Neu Döberitz“ und aus dem Areal mit Lager- und Werkstätten im

Artilleriepark an der B 5 der Gewerbepark „Döberitzer Heide“.

Heute erinnert an das Alte Lager nur noch der unter Denkmalschutz stehende

Wasserturm an der Wilhelmstraße (Bj. 1898) und eine Baracke. Das ebenfalls

denkmalgeschütze Offizierskasino an der Wilhelmstraße verfiel im Besitz der Gemeinde

und wurde auf Beschluss der Gemeindevertretung Anfang 2014 abgerissen.

 

Siedlungen

1903 setzte in Dallgow die Siedlungstätigkeit ein. Südlich des Bahnhofs entstand die

„Villenkolonie Neu-Döberitz“, auch „obere Kolonie“ genannt. Nördlich des Bahnhofs

entstand einige Jahre später die „untere Kolonie“, die östlich des Schwanengrabens zu

Dallgow („Dichterviertel“ und „Prinzessinnenviertel“) und westlich zu Rohrbeck gehörte

(Anschlußsiedlung).

Die südlich an Finkenkrug angrenzende Kolonie und Siedlung „Neu-Rohrbeck“ wurde

1933 gegründet. An der Grenze zu Staaken entstand eine weitere neue Ansiedlung mit

dem Namen „Dallgow-Ausbau“. Aus Platzmangel der schnell anwachsenden

katholischen Gemeinde in Charlottenburg entstand hier 1909 der Friedhof der

Charlottenburger Herz-Jesu-Gemeinde. Beisetzungen erfolgten bis 1961.

1913 wurde das, auf Dallgower Boden liegende Wasserwerk Staaken in Betrieb

genommen, das noch heute über 80.000 Einwohner in Falkensee, Dallgow-Döberitz,

Schönwalde-Glien sowie Hennigsdorf versorgt. An der Wilmsstraße wurde 1910 ein

rund 54 Meter hoher Wasserturm errichtet, der jedoch nur wenige Jahre im Betrieb war.

Aufgrund der Nähe zum Flugplatz Staaken wurde der Turm um 1939 bis auf den Sockel

abgetragen.

Während sich das Dorf Dallgow langsam und kaum merklich veränderte, entwickelte

sich die Kolonie bis zum Ende den zweiten Weltkrieges sprunghaft. Jahr für Jahr wurden

neue Häuser gebaut und Straßen angelegt und die Zahl der Bewohner wuchs. 1905

gründeten die ersten Siedler der Kolonie den „Verschönerungsverein Neu-Döberitz“, der

sich später mit dem Pflanzenverein zusammenschloss und aus dem der „Verein der

Siedler und Hausbesitzer Dallgow-Döberitz“ hervorging (1942: 362 Mitglieder).

1928 wurde Dallgow eigenes Standesamt und 1930 eigener Amtsbezirk mit den

Gemeinden Dallgow, Döberitz und Rohrbeck. Vom nahen Militärlager profitierten

besonders die Gastronomen. Bis Mitte der 1930er Jahre entstanden eine beachtliche

Anzahl an Hotels, Gaststätten mit Vereins- und Fremdenzimmern, Tanzsälen und Kinos.

 

Dallgow nach 1945

Nach Ende des zweiten Weltkrieges übernahmen die drei Siegermächte Sowjetunion,

USA und Großbritannien sowie Frankreich die Hoheitsgewalt über das Deutsche Reich.

Das Gebiet wurde in Besatzungszonen aufgeteilt oder ganz ausgegliedert. Berlin erhielt

einen Sonderstatus und wurde in vier Sektoren aufgeteilt. In Folge des Kalten Krieges

kam es zur Deutschen Teilung und zur Gründung zweier deutscher Staaten. Territorial

befand sich Dallgow in der Sowjetischen Besatzungszone.

Der zonenüberschreitende Güter- und Reiseverkehr wurde kontrolliert und war nur an

den dafür eingerichteten Grenzübergangsstellen möglich. Wer im Berliner Umland

wohnte und in West-Berlin arbeitete oder Verwandte besuchte, wurde zum Grenzgänger,

wobei die Übertritte zunehmend erschwert wurden. Mit dem Bau der Berliner Mauer

1961 endete die Reisefreiheit für die Mehrheit der DDR-Bevölkerung endgültig.

Der Verkehr auf der Hamburger Chaussee wurde anfangs noch am

„Kontrollpassierpunkt Dallgow“ kontrolliert. Dieser Kontrollpassierpunkt befand sich an

der Kreuzung der F 5 und F 2 (heutige B 5-Anschlussstelle Dallgow/Havelpark). Staaken

bestand zunächst zur einen Hälfte aus einem britischen und zur anderen Hälfte aus

einem sowjetischen Sektor und wurde von Berlin-Spandau aus verwaltet und versorgt.

Erst im Rahmen eines Gebietsaustausches im Jahr 1951 (Flugplatz Staaken und

„Seeburger Zipfel“ gegen Flugplatz Gatow) wurde der westliche Teil Staakens der

Sowjetischen Besatzungszone angegliedert. Im selben Jahr wurde der

Kontrollpassierpunkt Dallgow nach Staaken, zur Heerstraße/Ecke Bergstraße

vorverlegt.

Ab 1961 teilte sich in Dallgow der Verkehr auf der Hamburger Chaussee nach Berlin-Ost

und Berlin-West. Bürger der Bundesrepublik Deutschland führte der Weg nach Berlin

als Transitreisende über den Grenzübergang Staaken nach „West-Berlin“. Bürger der

DDR fuhren in der Regel 55 km nach „Berlin (Hauptstadt der DDR)“, über Falkensee und

Hennigsdorf.

Unter Kontrolle der sowjetischen Besatzungsmacht wurde ab Herbst 1945 eine

entschädigungslose Bodenreform für Grundbesitz über 100 Hektar durchgeführt,

welche die Besitzverhältnisse auf dem Land radikal änderte. Die von 1952 bis 1960

vollzogene Kollektivierung der Landwirtschaft löste die entstandenen kleinbäuerlichen

Betriebe wieder auf und setzte an deren Stelle „Landwirtschaftliche

Produktionsgenossenschaften“. In Rohrbeck gaben in der Folge sechs von zehn Bauern

ihre Höfe auf.

1953 wurde in Dallgow die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft

„Einheit“ gegründet, eine LPG vom Typ III, in der Bauern ihren gesamten

landwirtschaftlichen Betrieb mit Vieh, Maschinen und Gebäuden einbrachten. Die

eingebrachten Ländereien wurden zu einer einheitlichen großen Bodenfläche

zusammengelegt, die Feldgrenzen wurden beseitigt.

1960 hatte die LPG „Einheit“ 156 Mitglieder und 1.009 ha Nutzfläche. Es gab eine zweite

LPG „Frieden“ (Typ I), mit 5 Mitgliedern und 66 ha Nutzfläche. 1976 wurde diese LPG

aufgelöst und die Bewirtschaftung übernahm die LPG „8. Mai Falkensee“. 1973 bildeten

die Produktionsgenossenschaften Seeburg, Dallgow, Falkensee, Schönwalde einen

gemeinsamen Betrieb der Kooperativen Abteilung Pflanzenproduktion mit Sitz in

Dallgow. In den 1980er Jahren wurden landwirtschaftliche Flächen von Seeburg, Groß-

Glienicke, Dallgow, Falkensee und Schönwalde gemeinsam in der LPG

„Pflanzenproduktion Dallgow“ bewirtschaftet.

Nach der politischen Wende im Jahr 1990 wurden die Verstaatlichungen und

Kollektivierungen zurückgeführt. Fünf von ehemals 15 Familien in Dallgow führten den

bäuerlichen Betrieb weiter, in Rohrbeck gründete eine Familie einen bäuerlichen

Betrieb.

Das Vereinsleben lebte 1946 wieder auf. Mit Genehmigung der sowjetischen

Militäradministration nahm der „Verein der Siedler und Hausbesitzer Dallgow-

Döberitz“ seine Betätigung wieder auf (1946: 564 Mitglieder, Vereinsauflösung 1998).

1947 gründete sich die Sportgemeinschaft „SG Dallgow 47“ (heute „SV Dallgow 47 e.V.“).

Für die Dallgower, die in Ost-Berlin arbeiteten, gab es morgens und abends genau eine

direkte Zugverbindung. In Wustermark konnte man in den „Sputnik“ umsteigen - so

nannte man die Regionalzüge der West-Berlin-Umfahrung, und erreichte den Berliner

Ostbahnhof, ab 1971 den Bahnhof Berlin-Lichtenberg nach über 1 Std. Fahrzeit.

Über das Leben in der DDR-Zeit schreibt Frau Katzor: „Viele Dallgower arbeiteten bis

1961 in Berlin. Mit Errichtung der Mauer fielen für die in Dallgow wohnhaft gebliebenen

entweder die Arbeitsplätze in West-Berlin weg, oder sie mussten fortan einen viel

längeren Anfahrtsweg in den Ostteil der Stadt in Kauf nehmen. Für viele erfolgte eine

Umorientierung.

Neben der Landwirtschaft gab es in Dallgow kleinere private Handwerksbetriebe und

Einzelhandel. Dieser war gut ausgebaut, denn auch in den Dörfern gab es Geschäfte für

den täglichen Bedarf. Im Zentrum (Bahnhofsnähe) waren bis zur Wende neben

Lebensmittel, Bäcker, Milchladen, Fleischerei, Fisch- und Gemüseladen auch

Fachgeschäfte für Textilien, Schuhe, Lampen, Kurzwaren, Elektroartikel, Post,

Eisenwaren und Drogerie vorhanden.

Die größeren Handwerksbetriebe wurden ab 1952 zur Gründung von

Produktionsgenossenschaften des Handwerks (PGH) genötigt. In Dallgow waren davon

drei Betriebe betroffen. Kleinere Handwerksbetriebe überlebten teilweise bis zur

Wende. Die Auftragsbücher waren ständig voll und es konnte vorkommen, dass man

beispielsweise auf eine neue Haustür drei Jahre warten musste.

Vom benachbarten Militär waren vor allem die Anlieger der Dorf-, Haupt-, und

Bahnhofstraße betroffen. Tagelang standen Panzer in großer Anzahl auf diesen Straßen

und warteten auf die Verladung zu Truppenübungen.“

1988 befanden sich in Dallgow zwei Volkseigene Betriebe (VEB), drei

Produktionsgenossenschaften des Handwerks (PGH), eine Landwirtschaftliche

Produktionsgenossenschaft LPG (P), eine Außenstelle der LPG (T) Falkensee und des

VEB Fleisch- und Frischeierproduktion Falkensee sowie 18 gewerbetreibende

Handwerker. Zur Versorgung gab es 19 Handelseinrichtungen im Ort. An der

Wilhemstraße, im ehemaligen Offizierkasino vor dem Kasernengelände, befanden sich

eine Verkaufsstelle des HO-Spezialhandels und eine Verkaufseinrichtung der

sowjetischen Streitkräfte, ein sogenanntes „Russenmagazin“.

An der Ernst-Thälmann-Straße 44 (heute Wilmsstraße) befand sich ein

Landambulatorium mit Physiotherapie und stomatologischer Abteilung. Es gab zwei

Gemeindeschwesterstationen, eine Apotheke und ein Polytechnisches Zentrum der LPG

(P). Die Kindergärten der Gemeinde befanden sich in der Straße des Friedens (heute

Germanenstraße) und Finkenkruger Straße, eine Kinderkrippe in der Karl-Marx-Straße

(heute Kurmarkstraße). In Rohrbeck gab es zudem einen Kindergarten der LPG sowie

den Kindergarten der katholischen Kirchengemeinde (heutiges Johanneshaus).

In der 1938 errichteten Volksschule an der Wilmsstraße wurden Schüler bis 1958 bis

zur 8. Klasse unterrichtet. Ab 1959 wurde sie Polytechnische Oberschule (POS), an der

bis zur 10. Klasse unterrichtet wurde. Um 1989 erhielt die Schule den Namen „Rosa-

Luxemburg-Schule“, bis zur Eröffnung der Grundschule „Am Wasserturm“ im Jahr 2000.

Heute befindet sich in dem Gebäude der Hort der Gemeinde „Koboldland“.

Die Schulküche der POS befand sich in der Seestraße. Vormals befand sich hier eine

Badeanstalt am Schwanengraben (ab 1915). Heute befindet sich dort der Jugendclub der

Gemeinde.

Auf Beschluss des Gemeinderates Rohrbeck schloss sich Rohrbeck 1950 an Dallgow an

(Gemeinde Dallgow, Kreis Nauen, Bezirk Potsdam). Da es in Dallgow und Rohrbeck je

eine Hauptstraße gab, wurde die Hauptstraße in Dallgow in Johann-Sebastian-Bach-

Straße umbenannt. Auch in Dallgow wurden Namen von Straßen geändert, um dem

Traditionsbild oder dem Selbstverständnis der Politik zu entsprechen. So waren zur NSZeit

z.B. die Seestraße in Hindenburgstraße und die Steinschneiderstraße in

Göringstraße umbenannt worden.

Den Ideen des Sozialismus entsprechend wurden 1951 acht Straßen umbenannt, u.a. die

Wilmsstraße zur Ernst-Thälmann-Straße, die Germanenstraße erst zur Stalinstraße,

dann zur Straße des Friedens, die Bahnhofstraße wurde zur Puschkinstraße.

An der Wilmsstraße Ecke Bahnhofstraße war der „Platz der Deutsch-Sowjetischen

Freundschaft“ (bis 1945 Gasthaus „Prinz Heinrich“, heute befindet sich dort der

Discounter Lidl).

 

Dallgow heute

Einer der ersten Beschlüsse, der nach dem Ende der deutschen Teilung von der neuen

Gemeindevertretung im Jahr 1990 gefasst wurde, lautete, den Namen der Gemeinde

Dallgow in Gemeinde Dallgow-Döberitz zu ändern.

Der entsprechende Antrag und die Zustimmung der Kommunalaufsichtsbehörde

erfolgte 1993. Erst drei Jahre später wurde mit der Gemeindegliederung per Gesetz der

überwiegende Teil der ehemaligen Gemarkung Döberitz der Gemeinde Dallgow-

Döberitz zugeordnet. Die ehemaligen Kasernenanlagen und Wohnplätze in Döberitz-

Elsgrund sowie das Olympische Dorf wurden der Gemeinde Elstal zugeordnet, heute

Gemeinde Wustermark, was von Dallgower Seite auch als „Landraub“ bezeichnet wurde.

Dallgow-Döberitz vor den Toren Berlins ist heute eine der vielen Brandenburger

Gemeinden im Speckgürtel von Berlin, die – im Gegensatz zu vielen anderen Gemeinden

im Flächenland Brandenburg – stetig weiter wächst.

Ende 1989 wohnten in der Gemeinde Dallgow 2975 Einwohner. Für rund 60 Prozent

der Grundstücke bestanden Restitutionsansprüche. Größere Immobilien- und

Bauprojekte nach 1990 waren neben dem neuen Wohngebiet „Neu Döberitz“ und dem

Gewerbepark „Döberitzer Heide“ auch die Immobilienprojekte an der Triftstraße

(„Triftweg-Siedlung“, „Komponistenviertel“, Grundsteinlegung 1993) und im Lindhorst

(„Lindhorstsiedlung“), die Reit- und Springschule Deutschlandhalle (1992), die

Hotelanlage auf dem Dallgower Dorfanger („Parkhotel Dallgow“, 1994), das

Einkaufszentrum Havelpark (1995), die Wohnsiedlung an der Bahnhofstraße (genannt

die „Bayerische Siedlung“, 1996) sowie der Umbau der sowj. Offiziersiedlung zur

Wohnsiedlung Sperlingshof (1998). Zu den neuen Einrichtungen gehören u.a. das

Feuerwehrgebäude an der Triftstraße, drei neue Kindertagesstätten, zwei an der

Wilhelmstraße und eine am Triftweg, der Bau und die Erweiterungsbauten der

Grundschule am Wasserturm (Weißdornallee und Steinschneiderstraße) sowie das

Marie-Curie-Gymnasium (2006). Der neue Sportpark Dallgow an der B 5 wurde 2011

eingeweiht.

Obwohl die Gemeinde bei der Kreisgebietsreform 1993 noch nicht die für amtsfreie

Gemeinden erforderliche Einwohnerzahl (5.000) vorweisen konnte, wurde ihr aufgrund

der positiven Entwicklungsprognose, eine vorläufige Amtsfreiheit zugesprochen. Seit

1997 ist Dallgow−Döberitz amtsfreie Gemeinde im Landkreis Havelland im Bundesland

Brandenburg.

Im Zuge der Gemeindestrukturreform erfolgte 2003 der Zusammenschluss der

Gemeinden Dallgow-Döberitz und Seeburg. Seeburg wurde als Ortsteil in die Gemeinde

Dallgow-Döberitz eingegliedert. Das Gemeindegebiet hat heute eine Fläche von rund 66

km² (rund ein Drittel größer als die Stadt Falkensee). Die Gemeinde grenzt heute im

Norden an Falkensee, im Osten an Berlin-Staaken, im Süden an Potsdam und im Westen

an Wustermark. Anfang des Jahres 2015 zählte die Gemeinde rund 9.300 Einwohner.

Ihre Einwohnerzahl hat sich durch den anhaltenden Zuzug seit dem Ende der deutschen

Teilung vor 25 Jahren mehr als verdreifacht und wird weiter wachsen: Laut einer Studie

des Landesamtes für Bauen und Verkehr aus dem Jahr 2011 soll die Einwohnerzahl bis

2030 nochmal um fast 25 Prozent ansteigen. Dallgow-Döberitz wäre damit – gemessen

an ihrer bisherigen Einwohnerzahl –die am drittstärksten wachsende Gemeinde im

Land Brandenburg.