Susi begleitete, zusammen mit Hella, ihren Herrn auf seinen Reviergängen. Auch unter Menschen, ja selbst ins Gasthaus Hubertus, ging sie mit ihm. Einer Tischgesellschaft im Offiziersheim, der Traditionskompanie der Gardejäger, hat sie ebenfalls einst einen Besuch abgestattet. Susi hat eine gewisse Erziehung genossen. Sie hörte bald auf den ihr beigelegten Namen und gehorchte ihrem Erzieher aufs Wort.
Susi hat aber auch wirklich etwas gelernt. Sie konnte sich im Alter von etwa einem Jahr in der Öffentlichkeit zeigen als — Filmdiva. Unter der Überschrift „Die filmende Wildsau“ berichtet am Donnerstag den 24. Mai 1924 die „B.Z. am Mittag“: „In der riesigen Zeppelinhalle in Staaken wird wieder gefilmt …, da gibt es auch eine zahme Wildsau. Sie heißt Susi und ist das komischste Tier der Welt, wenn sie in den Spielpausen gelangweilt zwischen dem Publikum spaziert. Grune braucht für die Realität der Sturmnacht im einsamen Wald eine Wildsau, die, vom Wetter aufgeschreckt, zehn Sekunden lang durchs Bild galoppiert. Es muss eine Wildsau sein, die filmen kann, die auf Kommando daher oder dorthin rennt oder stehen bleibt. Es ist wunderbar, wie der Film doch alles findet, was er braucht. Gibt es also tatsächlich bei Berlin einen Förster, dem einmal seine Vorstehhündin im Wald einen verlassenen Frischling aufgestöbert und zugebracht hat. Zusammen haben sie ihn dann aufgezogen und Susi gehört jetzt zur Familie. Die Tiere sind unzertrennlich (wenn auch aufeinander eifersüchtig, sie beißen sich oft); Susi benimmt sich wie ein wohldressierter Hund und gehorcht aufs Wort. Sie hat gestern in Blitz, Sturm und Regen ihr Filmdebüt glänzend bestanden …“
Im Übrigen lebt Susi zufrieden und einsam in dem ebenso einsamen Dorf Döberitz. An die Stelle des inzwischen aus dem Dienst geschiedenen Wachtmeisters Schneider trat der am 7. 10. 29 tödlich verunglückte Oberjäger Linz. Zwischen ihm und Susi war das Verhältnis ein gleich gutes. Susi hat, wie schon gesagt, nie ans Ausbüxen gedacht. Wenn sie des Öfteren tage- oder wochenlang sich in der freien Wildbahn umgesehen hatte, dann kam sie von ihren Ausflügen stets unversehrt zurück.
Das blieb so bis um Weihnachten 1927. Das war es um Susi geschehen! Den Rechten, die sich in der Liebe herausgenommen hatte, folgten — Mutterpflichten! Vier Frischlinge, einen Keiler und drei Bachen, hat sie am Karfreitag 1928 zur Welt gebracht.
Von den Kindern blieben Liese und Lotte bei der Mutter und lebten mit ihr in dem großen Gatter im Schlosspark ein glückliches und ungestörtes Familienleben. Die gewohnten Ausflüge auf den Platz wurden regelmäßig unternommen. Pünktlich mit dem Dunkelwerden schoben die drei Schwarzkittel sich täglich im Schafstall ein, um des Morgens wieder hinaus ins Gatter oder ins Freie zu wechseln.
Mit dieser Beschäftigung war im Großen und Ganzen ihr Dasein ausgefüllt. Änderungen in diesem waren auch vor der Hand nicht zu erwarten, da vor Dezember Rauschzeit nicht Anstand und füglich Nachwuchs vor Frühjahr 1930 nicht zu erwarten war. Umso größer war das Erstaunen, als man am 2. September, also zu einer ganz ungewöhnlichen Zeit, aus dem Strohgeflecht im Döberitzer Gutsstall sechs buntgestreifte Frischlinge hervorkrabbeln sah: Am Sonntag, den 1. 9. 1929, ist Liese Mutter, Lotte Tante und Susi Großmutter geworden.